Ein Jahr als Vegetarier – meine Erfahrungen aus einem Selbstversuch
Vor einigen Jahren habe ich mir für das neue Jahr einen ungewöhnlichen Vorsatz gesetzt: Ich wollte ein Jahr lang vegetarisch leben.
Dabei ging es mir nicht darum, abzunehmen oder einem Ernährungstrend zu folgen. Vielmehr wollte ich verstehen, was es im Alltag wirklich bedeutet, auf Fleisch zu verzichten - und ehrlich gesagt auch, ob ich es kann. Der Gedanke entstand einerseits aus ethischen Überlegungen zur Tierhaltung, andererseits auch aus einer gewissen Selbstreflexion.
Oft hört man Aussagen wie: „Ich achte darauf, nicht jeden Tag Fleisch zu essen.“ Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr fragte ich mich jedoch, ob vielen Menschen überhaupt bewusst ist, wie häufig tierische Bestandteile in kleinen Mengen vorkommen. Etwas Speck im Salat, Zutaten in einer Züpfe oder Zutaten in Fertigprodukten – zählt das für das eigene Gewissen eigentlich auch?
Keine Ausnahmen – weder zu Hause noch im Restaurant
Für meinen Selbstversuch habe ich mir klare Rahmenbedingungen gesetzt. Fleisch und Fisch waren für mich gleichermaßen tabu, denn beides stammt letztlich von einem Tier. Auch im Restaurant wollte ich keine Ausnahmen machen und entschied mich konsequent für vegetarische Gerichte.
Obwohl ich versucht habe, auf tierische Zutaten zu verzichten, bin ich mir sicher, dass ich nicht alles erkannt habe. Manche Inhaltsstoffe sind schlicht nicht offensichtlich und nicht jedes Produkt trägt ein entsprechendes Label.
Einfach anfangen statt lange planen
Wirklich vorbereitet habe ich mich nicht. Meine Herangehensweise war eher: „Ich lasse Fleisch weg und schaue, was passiert.“
Als Triathlet wusste ich natürlich, dass bestimmte Nährstoffe bei einer vegetarischen Ernährung besonders beachtet werden sollten. Gleichzeitig war ich überzeugt, dass sich diese bei einer ausgewogenen und selbst gekochten Ernährung gut ersetzen lassen.
Ich habe den Selbstversuch allerdings weder medizinisch begleiten lassen noch regelmäßig Blutwerte kontrolliert. Auch offensichtliche Beschwerden oder Symptome sind mir während dieser Zeit nicht aufgefallen.
Überraschend viele neue Lebensmittel entdeckt
Rückblickend war eine der positivsten Erfahrungen, dass ich viele neue Lebensmittel für mich entdeckt habe.
Vor dem Experiment standen Linsen nur äußerst selten auf meinem Speiseplan. Während des vegetarischen Jahres wurden sie dagegen zu einem festen Bestandteil meiner Ernährung. Bis heute esse ich sie regelmäßig.
Auch vegetarische Burger haben mich positiv überrascht und schmecken mir nach wie vor sehr gut. Weniger überzeugt haben mich dagegen vegetarische Würste und ähnliche Ersatzprodukte.
Dabei fiel mir noch etwas auf: Viele vegetarische Produkte versuchen möglichst genau wie ihr fleischhaltiges Vorbild auszusehen oder zu schmecken. Ich habe mich häufig gefragt, ob das überhaupt notwendig ist oder ob man nicht lieber eigenständige Gerichte entwickeln könnte, anstatt das Original zu imitieren.
Vegetarisch bedeutet nicht automatisch gesund
Eine Erkenntnis hat mich besonders überrascht.
Anfangs hatte ich unbewusst die Vorstellung, dass vegetarische Produkte automatisch gesünder seien. Im Laufe des Jahres wurde mir jedoch klar, dass viele stark verarbeitete Fleischersatzprodukte sehr lange Zutatenlisten und zahlreiche Zusatzstoffe enthalten.
Seitdem schaue ich deutlich kritischer auf die Inhaltsstoffe eines Produkts und verlasse mich nicht allein auf Begriffe wie „vegetarisch“ oder „vegan“.
Im Supermarkt lauern einige Überraschungen
Vor meinem Selbstversuch war mir nicht bewusst, dass auch viele Desserts tierische Bestandteile enthalten können. Besonders bei veganen Produkten wurde mir klar, wie viele versteckte Zutaten es gibt, an die man zunächst gar nicht denkt.
Bei vielen Einkäufen habe ich zwar auf die Kennzeichnung „vegetarisch“ vertraut, dennoch bin ich heute ziemlich sicher, dass ich in diesem Jahr auch Produkte konsumiert habe, die streng genommen nicht vollständig vegetarisch waren – einfach weil ich es nicht besser wusste.
Gerade diese Erfahrung hat mir gezeigt, wie schwierig es sein kann, Zutatenlisten richtig zu interpretieren.
Hat sich meine sportliche Leistung verändert?
Als ambitionierter Triathlet habe ich natürlich auch beobachtet, ob sich die Ernährungsumstellung auf meine Leistung auswirkt.
Einmal – ich meine während des Inferno Triathlons im Berneroberland – kam mir der Gedanke, dass ich möglicherweise etwas häufiger mit Krämpfen zu kämpfen hatte. Ob das tatsächlich mit der vegetarischen Ernährung zusammenhing, kann ich aber nicht beurteilen.
Gerade im Ausdauersport spielen unzählige Faktoren eine Rolle. Ein Blick auf meine Garmin-Daten zeigte zudem keine auffälligen Veränderungen meiner Fitness während dieser Zeit. Deshalb wäre es aus meiner Sicht unverantwortlich, aus dieser einzelnen Beobachtung irgendwelche Schlussfolgerungen zu ziehen.
Mehr Offenheit für andere Küchen
Eine weitere positive Veränderung war, dass ich kulinarisch deutlich offener geworden bin.
Ich probierte häufiger Gerichte aus der indischen, thailändischen oder auch afrikanischen Küche und stellte fest, dass viele traditionelle Speisen ohnehin vegetarisch oder leicht vegetarisch zubereitet werden können.
Außerdem war ich überrascht, wie groß das vegetarische Angebot in vielen Supermärkten inzwischen ist. Besonders in Städten fand ich auch Restaurants mit einer vielfältigen Auswahl an vegetarischen Gerichten.
Warum ich heute wieder Fleisch esse
Mein Ziel war nie, dauerhaft Vegetarier zu werden.
Ich wollte verstehen, welche Herausforderungen mit dieser Ernährungsweise verbunden sind und wie sie den Alltag verändert. Dieses Ziel habe ich erreicht.
Heute esse ich wieder Fleisch, allerdings deutlich bewusster als früher. Ich informiere mich häufiger über die Herkunft und die Haltungsform und versuche, Entscheidungen zu treffen, die ich für mich ethisch vertreten kann.
Gleichzeitig greife ich nach wie vor regelmäßig zu vegetarischen Gerichten oder koche bewusst fleischlos.
Mein wichtigstes Fazit
Wenn ich aus diesem Jahr eine einzige Erkenntnis mitgenommen habe, dann diese:
Ich kaufe heute deutlich bewusster ein.
Ich schaue häufiger auf Zutatenlisten, hinterfrage Produkte stärker und habe gelernt, dass vegetarisch nicht automatisch gesund bedeutet. Gleichzeitig habe ich viele neue Lebensmittel entdeckt und meinen kulinarischen Horizont erweitert.
Der Selbstversuch hat meine Ernährung nachhaltig verändert – nicht weil ich dauerhaft Vegetarier geblieben bin, sondern weil ich gelernt habe, bewusster mit Lebensmitteln umzugehen.
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